30.09.2008 - DER ARZT IM BIPOLAREN SPANNUNGSFELD SEINER FREIBERUFLICHKEIT

 

 

Angeregt 1. durch das Studium der "gesundheitspolitischen Leitsätze der Ärzteschaft" (Ulmer Papier) anlässlich des 111. Ärztetages 2008, 2. durch die verschiedensten, zum Teil sehr dilettantisch ausgeführten Kommentare einschlägiger Zeitungen zu dem 2,7-Milliarden-Euro-Kompromiss und 3. durch die einseitigen, überwiegend den Arztberuf verunglimpfenden Berichte durch die Medien habe ich mir einige Gedanken zu dem oben angeführten Thema (Der Arzt im bipolaren Spannungsfeld ...) gemacht und diese - gefiltert durch meine 40-jährige Erfahrung in subjektiver Beurteilung der aktuellen Situation und die sich daraus ergebenden Perspektiven - versucht darzulegen.

Grundsätzlich muss einmal festgestellt werden, dass sich der Arzt als Freiberufler im Kontext mit Architekten, Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern und Rechtsanwälten befindet und uneingeschränkt und kompromisslos wie alle anderen Freiberufler den wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten eines mittelständischen Unternehmens ausgesetzt ist. Er muss sich einer Kosten-/Nutzenbetrachtung unterziehen und wird, insbesondere d. d. Politik, gezwungen auch die finanzielle Verantwortung für sein ärztliches Wirken zu übernehmen.

Nur allzu logisch ist es, wenn ich feststelle, dass kein anderer Freiberufler überleben kann, wenn er sich nicht zur Einhaltung der kaufmännischen Grundsätze bekennen würde, ungeachtet dessen, dass auch er sich grundsätzlich nach festen Gebührenordnungen (Rechtsanwälte, Steuerberater, Architekten) richten muss. Insofern legt das Ulmer Papier, das ich weit überwiegend als gut bis sehr gut beurteilen möchte, die Freiberuflichkeit wesentlich zu eng aus, wenn sie deren Notwendigkeit aus der Individualität jeder Erkrankungssituation und an der Notwendigkeit "einer auf jeden einzelnen Menschen ausgerichteten Form der Begegnung ..." herleitet.

Die Einschätzung der Erwartung des Patienten an eine gute Medizin ist insbesondere durch die Würdigung des Umstandes, dass eben dieser Patient nicht nur Fachkompetenz, sondern eine, dem jeweiligen Stand der Wissenschaft entsprechende Anwendung der medizinischen Möglichkeiten fordert, ist m.E. realitätsbezogen. Er erwartet auch, dass die neuen Erkenntnisse bei Diagnostik und Therapie angewandt werden und fordert trotzdem vor allem Zeit und Menschlichkeit in seiner Begegnung mit dem (seinem) Arzt (das ist die Bipolarität!).

Weiter wird klar und deutlich auf den unaufhaltbaren technischen Fortschritt und dessen unermesslichen Vorteil für die Patienten hingewiesen ("Gesellschaft des langen Lebens"). Jeder, der das Ulmer Papier verfasst hat muss wissen, dass dieser Fortschritt nur durch hohe Investitionsvolumina, gestemmt durch die niedergelassenen Ärzte, erreicht werden kann. Die damit verbundene wirtschaftliche Ausgestaltung durch faire Honorierung kommt mir viel zu bescheiden vor. Hier hätte ich mehr Mut erwartet, denn wer gewährleistet denn das im internationalen Vergleich leistungsstärkste Gesundheitssystem ? - Sie als niedergelassener Arzt in allen Fachrichtungen im ambulanten Bereich und im stationären Bereich die Krankenhäuser! Wer zahlt die durch den technischen Fortschritt veranlasste moralische Arztverantwortung? Sie und nicht der Staat, denn Sie sind kein Angestellter (siehe später)! Nur durch verdientes Geld kann wieder angeschafft werden (1+1=2 plus Zinsen!). Wer zahlt die hohen Gebühren, die anfallen, wenn über die Umsetzungsmöglichkeit des Vertragsarztrechts-änderungsgesetzes und anderer, die gesetzliche ärztliche Landschaft verändernden Gesetze, professionell diskutiert, analysiert, probiert (und realisiert) wird (Errichtungen von Teilgemeinschaftspraxen, Zweigpraxen, MVZs), oder ein Businessplan bei der Neuanschaffung von Geräten entworfen werden muss? Alles Notwendige, insbesondere durch den technischen Fortschritt und die Veränderung der Gesetzeslandschaft ausgelöste, z.T. sehr hohe Kosten, die zusätzlich zu den Anschaffungskosten der Geräte anfallen.

Meines Erachtens ist der Hinweis, bei den Patienten könnten Vorstellungen geweckt werden, dass für ärztliche Entscheidungen auch eigennützige materielle Aspekte bedeutend sein könnten, unangebracht und wird auch nicht dadurch gemildert, dass "... es erforderlich ist, alle Dimensionen des Gesundheitswesens (Einnahmen- und Ausgabenseite), den Versorgungsbedarf der Zukunft sowie die dazu erforderlichen Versorgungsstrukturen in den Blick zu nehmen ...".

Natürlich benötigt der Patient - und bekommt sie auch - eine im ärztlichen Selbstverständnis der Profession verankerte Verantwortlichkeit und eine Gewährleistung einer humanen medizinischen Versorgung. Er bekommt sie auch, nicht nur weil er sie "benötigt", sondern weil es im Berufsethos des Arztes manifestiert ist, eine von Eigeninteressen freie Betreuung und eine individuelle Unterstützung in seiner krankheitsbedingten Bedürftigkeit. Aber dennoch plädiere ich dafür, dass mehr Hinweise auf die Bezahlbarkeitsvoraussetzungen, mehr Hinweise auf die unternehmerischen Risiken des niedergelassenen Arztes, wo immer es möglich ist, manifestiert werden sollten. Denn insbesondere die unternehmerischen Risiken sind höher - und hier wiederhole ich mich in vielen meiner früheren Ausführungen - weil die überwiegenden Honorare nach wie vor nicht ausreichend sind (GKV) und die GOÄ veraltet (Anpassung 1996) und in vielen Teilen nicht mehr anwendbar ist bzw. zusätzlich noch hohen Verwaltungsaufwand bis hin zu Rechtsstreitigkeiten, die wiederum kostenaufwändig sind, erfordert. Die Medizin hat sich nun einmal in unglaublicher Geschwindigkeit entwickelt. Jeder weiß es, jeder muss es wissen und nimmt es logischerweise auch in Anspruch. Warum wird auf Seite 16* von den Herausforderungen an das Gesundheitswesen und nicht an die niedergelassene Ärzteschaft und Krankenhäuser gesprochen. Wer hat in Ulm beschlossen - der Gesetzgeber, das BMG oder die Ärzteschaft? Die Forderung nach Beendigung der Budgetmedizin und die Orientierung der GKV am Bedarf sind meines Erachtens logisch in ihrer Konsequenz.

FAZIT: Ich hätte mir wesentlich mehr Nachdruck und Hinweis auf die unstrittige Situation, dass es sich beim niedergelassenen Arzt - und zum Teil bei den Krankenhäusern - um klassische Unternehmer, die sich den kaufmännischen Gesetzmäßigkeit unterwerfen müssen, handelt. Dies wäre unter anderem auch deshalb notwendig, weil in der Außendarstellung durch die Medien fast unisono vom "angestellten" Arzt die Rede ist und ihm die Freiberuflichkeit abgesprochen wird. Es ist von garantiertem Einkommen die Rede und es wird nicht vom Umsatz gesprochen. Der uninformierte Leser setzt dann den durch den 2,7-Milliarden-Euro-Kompromiss erreichten Mehrumsatz von 18.000 Euro pro Arzt (Süddeutsche Zeitung vom 30./31.08.2008) als Mehrverdienst gleich. Es ist jedoch unstrittig, dass der notwendige Mehrumsatz, wenn er überhaupt beim niedergelassenen Arzt ankommt, u.a. für die Realisierung der hier dargelegten, insbesondere durch den technischen Fortschritt verursachten, Erfordernisse gebraucht wird. Ich vermisse auch eine Grundsatzaussage, die mehr Geschlossenheit und Selbstvertrauen im Umgang mit den Medien erkennen lässt. Überwiegend ist in den einschlägigen Berichten der Arzt der "Buh"-Mann, obwohl jeder ihn braucht. Wie sonst könnte es sein, dass kein geringerer als Dr. Joachim Patt, PKV-Verbandsgeschäftsführer, unabgemahnt in der TZ (Ausgabe vom 29.07.2008) verlauten darf, dass er .... schon lange keine Rechnung mehr gesehen hat, die komplett in Ordnung war". (Unsere Meinung dazu haben wir in einer Sonderausgabe dargelegt!)

* Quelle: Gesundheitspolitische Leitsätze der Ärzteschaft - Ulmer Papier - Beschluss des 111. Deutschen Ärztetages 2008, Seite 16

 

Dr. rer. pol. Rudolph Meindl
Diplom-Kaufmann
Geschäftsführender Gesellschafter
Dr. Meindl u. Partner Verrechnungsstelle GmbH