10.02.2007 - Quo Vadis Arztpraxis?

 

 

Ich glaube, es ist interessant zu erfahren, wie die Ärzte im Globalen den Zukunftsmarkt „Gesundheit“ sehen. Eine Studie der Stiftung Gesundheit, ist die Grundlage (Quelle: www.stiftung-gesundheit.de)

Eine ganz wichtige Quintessenz sei vorweggenommen: Heute entstammen nur noch 65% der Umsätze aus den klassischen GKV-Umsätzen, die via GKVen aufgrund kompliziertesten, nicht durchschaubarer Punktwertberech­nun­gen mit den Ärzten abgewickelt werden. 35% müssen die Ärzte also anderweitig erwirtschaften und diese anderweitig erwirtschafteten Ressour­cen folgen anderen Regeln. Hier wird tatsächlich nicht mit un­durchsichtigen Punktwerten abge­rechnet, sondern hier geht es um Geld, hier findet Markt statt, ja hier gibt es Wettbewerb. Die Ärzte, die bereits ein Marketingbudget in Ihrer Praxis definieren, haben sich gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt. Dies ist für uns kein Zeichen der Resignation, sondern ein Zeichen, dass die Ärzte dabei sind, ihr Vertrauen in die eigene unter­nehmerische Leis­tungsfähigkeit zu setzen.

Nun zu den Ergebnissen aus den Themen Arbeitsalltag und Arbeits­belastung, Umsatz und Ertrag, Wett­bewerb und Marketing sowie Arbeitszu­friedenheit (es wurden 15.000 Ärzte sämtlicher Fach­gruppen befragt – Befragungszeitraum Juni 2006).

1.Arbeitsalltag und Arbeitsbelastung

Die wöchentliche Arbeitszeit der niederge­lassenen Ärzte ist 56 Stunden pro Woche, wobei der kurative Anteil 33 Stunden, also 58% beträgt. Der Rest teilt sich auf in je 5 Stunden für Verwaltung und für Weiterbildungen. Ich widerspreche der Studie, die glaubt, dies sei zumutbar. Dies ist nicht zumutbar, weil damit dem Arzt, wie die Studie ja herausgearbeitet hat, einfach nicht die Zeit bleibt, sich den Umsätzen zu widmen, die die Praxis wirtschaftlich macht, denn - und da liegt ein Interpre­tationsirrtum der Studie – der niedergelassene Arzt hat eine Ver­sorgungsauftrag, den er zu 90% an GKV-versicherten Patienten zu erfüllen hat und hier geschieht die Entlohnung nicht in festen Geldbeträgen, sondern in unüberschaubaren Punktwerten und Punktanzahlen.

2. Umsatz und Ertrag

2.1. Umsatz
Bei mehr aus der Hälfte der Praxen ist der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen! Nur 15% konnten ein Plus verzeichnen. Die Privat­patienten tragen im Durchschnitt 20% zum Umsatz der Praxis bei – weit überproportional, da die Privatver­sicherten nur 10% der Patienten ausmachen. 5% kommen aus den IGeL-Leistungen, 3% aus gutachter­lichen Tätigkeiten, 7% durch sonstige Tätigkeiten.
Von einer Wiedergabe reiner Umsatz­zahlen sehe ich ab.

2.2   Ertrag
Der gewichtete durchschnittliche Brutto­jahresertrag der befragten nieder­gelassenen Ärzte, liegt bei 117.375 ¤ (Ärztinnen 78.000 ¤, Ärzte 129.000 ¤). Knapp 50% liegen in der Ertrags­gruppe 50.000 bis 125.000 ¤.

Der Ertrag ist ein Spiegelbild der wöchentlichen Arbeitszeit und es beweist, was alle niedergelassenen Ärzte wissen: (lassen Sie es mich salopp ausdrücken) der Arzt muss malochen, malochen, malochen, das Hamsterrad dreht sich, jeder muss mitdrehen, die Punktanzahl steigt, der Punktwert sinkt. Konsequenz: Konzen­tration auf die 35% Leistungser­bringung außerhalb des GKV-Budgets, das heißt, der Arzt muss sich dem Wettbewerb stellen und dazu gehört Marketing.

3. Wettbewerb und Marketing

Es werden erhebliche Teile des Ertrags jenseits der GKV erwirtschaftet. Bei sämtlichen Ertrags­komponenten, die sich außerhalb des GKV-Bereichs befinden, steht der Arzt vor seinem Patienten, der eine „Einkaufsentschei­dung“ treffen will. Hier beginnt die Wettbewerbsituation unter den Ärzten. Dieser Wettbewerb steigt in dem Maße wie der Ertrag nicht mehr durch die GKV erbracht wird, sondern durch Leistungen, die die Patienten selbst zahlen.

Wie nimmt der Arzt diesen Wettbewerb mit seinen Kollegen wahr? Mehr als ein Drittel (37,5%) sehen sich stark bzw. sehr stark im Wettbewerb zu anderen Kollegen. Und in welchem Bereich findet der Wettbewerb statt? Interessant: das Verhalten gegenüber den Patienten wird mit 66% bewertet (hier sind wir als Verrechnungsstelle gefordert und wir stellen uns seit über 25 Jahren dieser Herausforderung, indem wir den Umgang mit den Patienten – Ihren Kunden – zum firmenphilosophischen Grundsatz gemacht haben). Die Öffnungszeiten und die Selbstzahlerangebote machen 40% aus. Der Praxiswer­bung wird ein sehr hohes Maß an Auf­merksamkeit geschenkt (30%).

Über die Erkenntnis der Studie zu den Folgen des Wettbewerbs im Bezug auf seinen Einfluss auf die Qualität der für die ärztliche Versorgung erbrachten Leistungen, bin ich nicht überrascht, denn hier gab es kein einheitliches Bild bei den befragten Ärzten. Nur 23% erwarten eine Steigerung der Güte der ärztlichen Versorgung durch Wett­bewerb; 35% sagen gar er wird sinken. Was heißt das in der Konsequenz? Es konnte ja gar kein anderes Bild ergeben, weil der Arzt schon allein aus seiner ethischen Grund­voraussetzung bei der Erbringung seiner Leistung das Maximale bringt, also muss er, um sich dem Wettbewerb stellen zu können, auf anderen „Aktionsfeldern“ agieren. Inte­ressant ist dabei, dass sich die Aktivitäten auf zwei Aktionsfelder konzentrieren.

a) Den Patientenwünschen muss stärker entsprochen werden. Dabei haben sich bereits 80% der Ärzte den Wünschen Ihrer Patienten angepasst  und 75% empfinden es geradezu als notwendig, dies zu tun.

b) Das zweite Aktionsfeld ist das Praxismarketing. Bereits vor 20 Jahren habe ich zu diesem Thema auf unterschiedlichsten Ebenen weitver­streut in Bayern Vorträge gehalten. Die Resonanz, das heißt das Interesse an diesen Vorträgen war enorm, retro­spektiv betrachtet kann ich erst genaugenommen seit dem Inkrafttreten des GMG und natürlich jetzt ganz verschärft durch das Vertragsarzt­rechtsänderungs­gesetz und das Wettbewerbsstärkungsgesetz die Be­reitschaft der Ärzte erkennen, dass Marketing eine unabdingbare Not­wendigkeit ist, den Herausforderungen in der Zukunft zu entsprechen. Damals galt Werbung generell als „unärztlich“ und unethisch.

Heute halten der Studie zufolge 53% der Ärzte Marketingmaßnahmen für wichtig;

Wer Marketing betreibt, braucht ein Marketingbudget. Wie korreliert Marketingbudget und Praxiserfolg? Ärzte, die ein Marketingbudget von mehr als 2.500 ¤ pro Jahr definieren, erzielen höhere Umsätze als die Vergleichs­gruppe mit einem Marke­tingbudget zwischen 500 ¤ und 2.500 ¤ pro Jahr (Anmerkung des Verfassers: hier kann ich wieder eine kleine Disharmonie in dieser Studie feststellen; logisch, dass Hoch­um­setzer schon allein aus der Natur der Definition gewisser Ausgaben mehr für Marketing ausgeben, aber Umsatz ist nicht gleich Ertrag).

4. Arbeitszufriedenheit

Die Mehrheit der niedergelassenen Ärzte ist mit ihrem Beruf – der Studie zufolge – zufrieden; 33% geben die (Schul–) Note 3; 25% wählten sogar die Note 2, aber immerhin sind es fasst 40%, die die Note 4 bzw. 5 verteilen.

Stark gerafft zeigt eine Moment­aufnahme der Arbeitszufriedenheit, dass die Mehrheit der Befragten ihre zukünftige Arbeitszufriedenheit als neutral bzw. pessimistisch einstufen. Ein Trend ist auch erkennbar: Generell nimmt die Arbeitszufriedenheit eher mit den Jahren ab (Anmerkung des Verfassers: dies überrascht mich nicht, habe ich doch fasst genau 40 Jahre die Höhen und die Tiefen miterleben können und mir fällt revuepassierend betrachtet für diese Zeitspanne kein besseres Schlagwort als die institutionalisierte Unfairness der Gesundheitspolitiker mit den Ärzten ein [Ulla Schmidts marxistisches Ge­dankengut der Einführung puristischer Staatsmedizin ist, fasst möchte ich sagen, die logische Konsequenz dieser gelebten Unfairness]) ... und die damit logischerweise einhergehende Arbeits­unzufriedenheit.

Die Arbeits­zufriedenheit hat unmittel­baren positiven Einfluss auf die Ertragssituation. Sie fällt mit sinkendem Einkommen. Hohe Wochenarbeitszeit und viel Umsatz durch die GKV schlägt sich eher negativ auf die Arbeitszufriedenheit der Ärzte nieder.

FAZIT: Ich gehe mit Prof. Dr. med. Dr. rer. pol. Konrad Obermann, dem wissenschaftlichen Leiter dieser Studie insofern konform, indem er verstärkte Versorgungsforschung anfordert, um „die Blackbox“ der Praxis des niederge­lassenen Arztes auszuleuchten. Die Studie ist ein bereits gelungener Versuch, wobei ich in einer Behauptung mit ihm nicht konform gehe, in dem er ausführt, dass der Arzt nicht überbelastet ist, durch die allgemeinen Bürokratiearbeiten (siehe meinen Kommentar dazu oben).

 

Dr. rer. pol. Rudolph Meindl
Diplom-Kaufmann
Geschäftsführender Gesellschafter
Dr. Meindl u. Partner Verrechnungsstelle GmbH