20.05.2016 - Management und Marketing im Gesundheitswesen

 

 

Vom mehrschichtigen Spannungsfeld unternehmerischen Handelns in Heilberufen.

Die ständige Herausforderung an niedergelassene Ärzte wie auch andere Menschen in Heilberufen hat spätestens seit Einführung des Versorgungsstrukturgesetzes im Jahr 1996 ganz massiv zugenommen: Zum einen durch geradezu irrationale und situationswidersinnige, teils ärztefeindliche und widersprüchliche Gesetze (aktuelles Beispiel: Das Versorgungsstärkungsgesetz und die damit teils verfassungswidrigen Folgerungen), zum anderen durch sich rapide ändernde Patientenerwartungen an perfekte ärztliche Leistungen. Intensiv verstärkt wird diese Drucksituation durch das Internet (vermeintliche Ärztebewertungen) und diverse Printmedien (auflagensteigernde Ärzterankings).

Der berufsspezifische Erfolgsdruck (Diagnostik, Therapie und Ökonomie), die Verpflichtung zur Berufsethik und das Einhalten gesetzlicher Rahmenbedingungen beschreiben einen Spagat, der – wenn überhaupt – von den Akteuren kaum mehr zu vollführen ist und zunehmend zu physischen und psychischen Konsequenzen führt.

Hinzu kommt der sich immer schneller entwickelnde technische Fortschritt, der den (subspezialisierten) Arzt scheinbar zu diagnostischer Omnipotenz führt, jedoch oftmals therapeutisches Versagen nach sich zieht. – Der Patient hingegen hat in der Regel von diesen komplexen Belastungen des Arztes keine Kenntnis und sieht ihn ausschließlich als Helfer (Diagnostiker) und Heiler (Therapeut); für ihn ist er allwissend und Beherrscher der medizinischen Technik.

Erst wenn der Patient in das vorbeschriebene „ärztliche Spannungsfeld“ gerät, mag er die Kluft zwischen diagnostischem Können und therapeutischen Versagen erahnen. In diesem Moment kann beim Patienten sein bisher positives Bild vom allwissenden Arzt zerbrechen, und es wird dann häufig sehr schnell und sehr negativ umgedeutet. Plötzlich ist dann von der raffgierigen, streikenden, Patienten-aussperrenden Ärzteschaft die Rede – populistische Themen, die durch die Medien immer wieder gern und zur Steigerung von Auflagen und Zuschauerquoten aufgegriffen und publiziert werden. Dass hierdurch gleichzeitig die notwendigen wirtschaftlichen Interessen der niedergelassenen Ärzte unterminiert oder zumindest gravierend infrage gestellt werden, scheint überhaupt nicht zu stören.

Selbstständig arbeitende Menschen – gerade die in unserem Gesundheitswesen – müssen kaufmännisch, also unternehmerisch denken und handeln!

Sie führen und verantworten hochqualifizierte, technisch anspruchsvoll ausgestattete Dienstleistungsbetriebe (ob in Einzelpraxen oder großen BAG bzw. MVZ), in denen nicht nur sie selbst sondern auch ein Stab von MitarbeiterInnen beschäftigt sind. Diese Betriebe erarbeiten nicht nur einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für unsere Volkswirtschaft, sondern sorgen in erster Linie dafür, dass es uns allen im Rahmen der Möglichkeiten gesundheitlich gut geht.

Unser Gesundheitssystem benötigt trotz des bestehenden Gesetzeswirrwarrs Wirtschaftlichkeit und nachhaltige Finanzierung. Die Einhaltung ökonomischer Grundprinzipien ist unabdingbar. Gerade für den Akteur der Heilkunde ist dieses keine leichte Aufgabe, denn er muss – ohne hierfür speziell ausgebildet worden zu sein – die Prinzipien des Kaufmanns beherzigen und unternehmerische Herausforderungen meistern.

Das Einhalten kaufmännischer Tugenden, die er in der Paarung mit seiner beruflichen Ethik lebt, ist hierbei nicht genug. Er braucht Managementkompetenz, Führungserfahrung, Marketingstrategien, optimal gelebte authentische Patientenorientierung, soziale Kompetenz (sowohl beim Führen seiner MitarbeiterInnen als auch bei der notwendigen Eingliederung in die ärztlichen Kooperationsformen) und Bürokratieverständnis (mittlerweile verbringt der Arzt 23% seiner Arbeitszeit mit Verwaltungsarbeiten, eine Verdoppelung zu früher!). Zusätzlich braucht er Bescheidenheit beim Umgang mit den Menschen (MitarbeiterInnen wie Patienten) und ein gerüttelt Maß an Leidensfähigkeit gegenüber den Institutionen und dem Verstehen dessen, was diese so alles anrichten.

Viele fragen sich, welche Chance denn Arzt und Physiotherapeut in diesem System heute noch zum Heilen haben. Erfährt er in dieser Situation denn keine Unterstützung durch die Standesorganisationen und KV’en ?
„Jein“ würde ich sagen, und das führt wiederum zu einer immensen Herausforderung, denn zum einen geben diese Institutionen Positives vor, zum anderen wird gemaßregelt, wenn die vorgegebenen Pfade nur minimal verlassen werden, um die Heilung auf individuelle Art zu betreiben. Folgerichtig sieht der Heilkundige aufgrund dieser Zwänge, wie unmöglich es ist, aus der jetzigen Situation heraus zu kommen*.

Dieses hier aufgezeigte tripolare Spannungsfeld (Arzt/Physiotherapeut, Unternehmer und Befehlsempfänger gegenüber Gesetzen, Verordnungen und Vorschriften) zu meistern, ohne auf Dauer gesundheitsschädigende Konsequenzen hinnehmen zu müssen, bedeutet einen gewaltigen Kraftakt.

Die Schwierigkeiten liegen in diesem System gesamtheitlich begründet und – lassen Sie es mich martialisch ausdrücken – werden damit für den Arzt und Physiotherapeuten zum Martyrium.

Allzu oft – und dies sage ich aus meiner 48-jährigen Erfahrung besonders im Umgang mit Ärzten, muss und musste ich Überforderungssymptome zur Kenntnis nehmen, und immer wieder empfinde ich es bei den unterschiedlichsten Referaten und sonstigen Veröffentlichungen als meine Aufgabe, den Arzt zu mehr Mut, ein „Egoist“ zu sein und mehr auf sich zu schauen, zu animieren. Und das letztlich zum Wohle aller!

 

Dr. rer. pol. Rudolph Meindl
Diplom-Kaufmann
Geschäftsführender Gesellschafter
Dr. Meindl u. Partner Verrechnungsstelle GmbH
Seit über 49 Jahren im Dienste des Arztes

 

* Quelle: „Ärzte. Warum quälen wir sie?“ Perspektiven und Positionen zur Zukunft der Medizin in Deutschland, Februar 1999, HSG: Friechrich Christoffer MEDISTAR Praxiscomputer GmbH

(Quelle: Auszug aus dem Vorwort von Dr. Rudolph Meindl im Buch von Herrn Dr. Karsten Wurm, „Lebe Deinen Beruf“)