25.01.2008 - MUT ZUM HANDELN

 

 

Don Quijote und Sisyphos, zwei Figuren, die jedem Mediziner etwas sagen. Don Quijote stürzte sich selbst als fahrender Ritter in Gefahren und sah Riesen an Stelle von Windmühlen, die er vergeblich zu bekämpfen versucht, um als "Ritter von der traurigen Gestalt", übel zugerichtet, auf dem Holzkarren nach hause zu kommen. Sisyphos "...stemmte den Block hinauf auf den Hügel ... mit Händen und Füßen, aber das Übergewicht drehte ihn zurück... sich anspannend und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus." (Homer: Odyssee 11. Gesang). Beide standen vor einer unlösbaren Aufgabe, weil sie entweder selbst daran schuld waren (Don Quijote) oder die Gründe nicht kannten bzw. nicht erkennen wollten (Sisyphos).

 

Erkennbare, kalkulierbare Widerstände können gebrochen werden, auch wenn es lange dauert. Wenn jedoch Widerstände - zum überwiegenden Teil positiv motiviert - aufgebaut werden, die entweder in ihrer Struktur nicht erkennbar gemacht werden, oder sich durch bewusstes Taktieren ständig ändern, dann kann jedem, der sich in einer derartigen Situation befindet, nur geraten werden: Handle mutig, auch auf die Gefahr hin, dass einiges nicht standesrechtskonform ist, denn erstens wird das Sisyphosschicksal niemanden treffen, wenn er, aufbauend auf seinem beruflichen Ethos an sich glaubt und zweitens wird er nicht das Don-Quijote-Schicksal erleiden, weil er das Hamsterrad als solches erkennt und nicht mehr Hamster sein will. Damit bin ich beim Thema.

Ich habe mir einmal die Gesetzeslandschaft seit 1993 näher angesehen und muss heute, nach 15 Jahren feststellen, dass sowohl Dilettantismus, aber insbesondere auch gezieltes, den Berufsstand niedergelassener Arzt schädigendes, zum Teil auch aus dem sozialen Neid des/der jeweiligen Politikers/-in resultierendes Gedankengut, eingeflossen ist.

Schauen wir uns einmal das Jahr 1993 an, in dem die Konturen des damaligen Gesundheits-Strukturgesetzes (GSG) bekannt wurden und das Gesetz Rechtskraft erhielt. Die Grundabsicht dieses Gesetzes war, die Kosten im Gesundheitswesen dadurch niedrig zu halten, indem die Niederlassungsfreiheit eingeschränkt wurde. Was war die Quintessenz? In der Zeit, bevor das Gesetz in Kraft trat, gab es eine Niederlassungshysterie ohnegleichen, ob wirtschaftlich begründet oder nicht. Viele Ärzte haben sich, allein aus purer Angst den Anschluss in der Zukunft verlieren zu können, niedergelassen. Verständlich, auch wenn es zeitweise zu Kamikaze-Niederlassungen kam und niemand – auch zu dem damaligen Zeitpunkt nicht die Banken – haben dem Arzt die unabdingbaren, mit einer Existenzgründung zusammenhängenden, zu erfüllenden kaufmännischen Gesetzmäßigkeiten[1] offen gelegt. Die dadurch betroffenen Ärzte haben eine verdammt lange Durststrecke durchschreiten müssen, bevor es wieder bergauf ging.

Das in diesem Gesetz geregelte Verkaufsverbot etablierter Praxen nach dem 01.01.1999 führte zu übereilten Verkäufen vor diesem Datum, was je nach Interessenslage sowohl beim übergebenden Arzt wie auch beim übernehmenden Arzt zu sehr großen wirtschaftlichen Einbußen führte. Vom psychologischen Schaden, für sein Lebenswerk nicht adäquat entlohnt worden zu sein, bzw. zuviel bezahlt zu haben, weil das Diktat des in Kraft getretenen Gesetzes Panik verursachte, gar nicht zu reden. Der mit diesem Gesetz „vergewaltigte“ Markt forderte seine Opfer auf allen Seiten! Übrigens, ein derartiges Gesetz in einer demokratischen, freien Marktwirtschaft ist einfach unmoralisch, verfassungswidrig, unmöglich! Aber bei den Ärzten ist dies ja „...anders, ... die haben’s ja:“ (...könnten sich Seehofer und Schmidt sagen ?)

Unmittelbar vor 1999 ist das eingetreten, was wir immer schon proklamierten, nämlich der Wegfall des Verkaufsverbots der Praxen nach dem 01.01.1999. Der damalige Gesundheitsminister Seehofer, der es bei Gott nicht all zu gut mit den Ärzten in seiner Amtszeit meinte, hat am Ärztetag in Eisenach argumentiert, es wäre nie im Sinne des Gesetzes gewesen, eine derartige Situation herzustellen. Der ehrliche Grund lag darin, dass er vor den verfassungsrechtlichen Problemen einer derartigen Regelung eingeknickt ist, denn wer hätte denn verstanden, dass ein Verkauf unmittelbar vor dem 01.01.1999 noch möglich war und ein altersver-sorgungsabsicherndes Element darstellen konnte und jede nach diesem Datum veräußerte Praxis auch im Notfall keinen Cent mehr Wert gewesen wäre.

Dann kam die zuerst als Gesundheits-Modernisierungs-Gesetz (GMG) und später als GKV-Modernisierungsgesetz bezeichnete, die jetzige Landschaft enorm beeinflussende, neue Gesetzesnovelle. Die Integrierte Versorgung (I.V.), das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) und die Hausarzt-zentrierte Versorgung waren die grundlegenden Schlagworte dieser Gesetzgebung. Wer spricht heute noch von der Hausarztzentrierten Versorgung, geschweige denn, wer weiß, was dahinter steckt. Die sog. Integrierte Versorgung (I.V.) hat - außer dass Fördergelder zur Verfügung gestellt wurden, die nur denen zugute kamen, die ohnehin den Umgang mit Fördergeldern kannten - mehr zur Wettbewerbsverzerrung beigetragen, als dass sich daraus eine Handlungsanleitung für Ärzte ergeben hätte, die durch die Bildung integrierter Versorgungsverträge zur Minimierung der Gesundheitskosten beitragen könnte und das Schlagwort Medizinisches Versorgungszentrum hat wesentlich mehr Unruhe geschaffen, als endgültig den niedergelassenen Ärzten geholfen. Damit will ich nicht sagen, dass die Konstrukte I.V. und MVZ grundsätzlich schlecht wären, sondern der Informationstransfer war chaotisch und damit für die Ärztin/den Arzt in höchstem Maße verunsichernd.

Dann kam das Vertragsarztrechts-Änderungsgesetz (VÄG) in Verbindung mit dem Wettbewerbs-Stärkungsgesetz (WSG). Jetzt auf einmal hat der Arzt alle Freiheiten. Er kann Filialen und/oder Zweitpraxen gründen, kann sich überregional verbinden und Teilgemeinschaftspraxen kreieren, kann werben, ... er kann einfach alles, aber wenn er es versucht, wissen diejenigen Stellen, die nach wie vor noch ihren Kommentar respektive ihre Genehmigung geben müssen (KV-Zulassungsausschuss) in vielen Bereichen nicht, worin ihre Kompetenz besteht. Es hat Ihnen ja auch niemand gesagt, wie sie dazu beitragen können, dem handelnden Arzt die Umsetzung der ihm gesetzlich gegebenen Möglichkeiten auch zeitnah und praxisorientiert vorzunehmen.

Nirgendwo steht es definitiv, aber überall wird es diskutiert, nämlich der Wegfall der Niederlassungsbeschränkung – so bahnbrechend wie die Einführung der selbigen. Der Arzt wird im Ungewissen gelassen, ob es passiert und wann es passieren wird, ein untragbarer Zustand! Auch wie die Auswirkungen der neuen EBM-Struktur auf die jeweiligen Fachärzte in den jeweiligen Regionen sein werden, weiß niemand und der permanente und seit vielen Jahren versprochene Wechsel von punktbezogenen Vergütungen zu Festbeträgen wird heute weder inhaltlich noch zeitlich festgeschrieben, trotz vieler persönlich abgegebener Versprechen von so manchem Politiker (z.B. „Zöller anlässlich des BNC Kongresses im März 2006 ...“)

Also, sehr verehrte Ärztinnen und Ärzte, was bleibt Ihnen? Fragen Sie nicht, was Sie tun dürfen, sondern fragen Sie sich, was Sie tun sollen. Loten Sie sowohl die werblichen Möglichkeiten, die Möglichkeiten der Bildung von überregionalen oder regionalen Zweitpraxen oder anderen Organisations-formen aus, kooperieren Sie da mit Krankenhäusern, wo diese Ihnen das anbieten, schließen Sie sich insbesondere in der gleichen Fachrichtung da zusammen, wo Sie durch den Zusammenschluss in Ihrer Region eine Monopolsituation herstellen können. Bilden Sie fachgebundene bzw. fachübergreifende überregionale Allianzen. Es verhandelt sich dann wesentlich leichter mit den Krankenkassen, denn Sie sind zumindest bis zum Wegfall der Niederlassungsbeschränkung u.U. der Monopolanbieter bzw. befinden sich in einem Anbieteroligopol . Führen Sie Informations-gespräche, gehen Sie offensiv an Ihre Fachkollegen heran, auch auf die Gefahr hin, sie könnten sich etwas vergeben, denn nur durch Gespräche werden Ideen entwickelt und nur durch wiederkehrende, diese Ideen analysierende Diskussionen werden Lösungen gefunden (das Instrument „Brainstorming“ genannt, ist für jeden, nicht durch gesetzliche Reglementierungen zur zeitweisen Untätigkeit verdammten „Kaufmann“, ein lebensnotwendiges Werkzeug).

Denken Sie an die Sitzteilung (bis zur Viertelung) und an die Anstellung von Ärzten oder an das sich (Teil-)Anstellen lassen im Krankenhaus, oder vielleicht sogar bei einem anderen Kollegen. Denken Sie an Kolleginnen und Kollegen, die entweder aus familienplanerischen Gründen oder aus Altersgründen momentan ihrer Arbeit nicht nachgehen – auch Viertel-Arztsitze können z.B. durch Frauen besetzt werden – und weder das 55. Lebensjahr für die Existenzgründung, noch das 68. Lebensjahr für den obligatorischen Ausstieg aus einer Praxis werden unumstößliche Eckdaten bleiben, da sie ja ohnehin schon aufgeweicht sind.

Versuchen Sie zu überlegen, wenn Sie über gewisse Spezialkenntnisse verfügen, diese in anderen Praxen, wo Indikationshäufigkeiten vermutet werden können, zu erbringen (Teilgemeinschaftspraxis) und scheuen Sie sich nicht, sich vermehrt zusammen mit Kollegen/-innen oder auch alleine sich um das Privatklientel zu kümmern. Denn, wenn Sie sich als „Einzelkämpfer“ ehrlichen Herzens identifizieren, dann hat auch Ihre Einzelpraxis eine Chance. Haben Sie keine Furcht vor dem eventuellen Wegfall des Privatklientels (durch in der Planung stehende gesetzliche Maßnahmen), noch vor der Herabsetzung der privatärztlichen Leistungs-vergütung durch den sog. Standardtarif.

Denken Sie an die zeitliche Präsenzerweiterung sowohl in den Abendstunden oder auch am Wochenende – nicht durch Mehrarbeit, sondern durch Koopera­tion mit Kolleginnen und Kollegen. Machen Sie Ihre Spezialkenntnisse publik, indem sie diese durch öffentliche Veranstaltungen dem interessierten „Kundenkreis“ näher bringen (die Privatkliniken, insbesondere hier im mittelfränkischen Raum, machen es Ihnen vor). Sind Sie couragiert, sowohl beim Eintritt in ein Netzwerk, aber auch beim Austritt, wenn Sie verspüren, dass dieses Netzwerk in erster Linie der Profilierung von „Funktionärskollegen“ dient. Geben Sie Ihrer Praxis ein Gesicht oder - in Neudeutsch - eine Corporate Identity und sorgen Sie dafür, dass Sie wahrgenommen werden.

Haben Sie den Mut zum Handeln!

„Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit und das Geheimnis der Freiheit ist der Mut“ (Aristoteles)

 

Dr. rer. pol. Rudolph Meindl
Diplom-Kaufmann
Geschäftsführender Gesellschafter
Dr. Meindl u. Partner Verrechnungsstelle GmbH 


 

[1] Kaufmännische Prinzipien: Eins plus Eins ist Zwei plus Zinsen. Wo Chancen sind, sind Risiken. Liquidität geht vor Effektivität bzw. Rentabilität und das oberste Prinzip: Vorsicht!, Vorsicht2!, Vorsicht!