30.06.2007 - "AUCH DIE EINZELPRAXIS HAT IHRE CHANCE"

 


Ich habe bewusst dieses, unter dem Vertragsarztrechtsänderungsgesetz (VÄG) sicherlich als provozierend anzusehende Thema gewählt, weil ich der Meinung bin - obwohl ich über 30 Jahre der Kooperation das Wort geredet habe -, dass es eine Vielzahl an ärztlichen Praxen und Praxisgründern gibt, die einfach nicht in ein Medizinisches Versorgungszentrum oder eine große Gemeinschaftspraxis gehen können bzw. ihnen die Möglichkeit fehlt, dies zu tun.

Die untenstehenden Ausführungen sollten in erster Linie nicht als eine Abgrenzung zu den klassischen, noch mit 2-3 Ärzten bestückten Gemeinschaftspraxen/ Praxisgemeinschaften angesehen werden, sondern es soll eine Abgrenzung zu den neu gegründeten großen MVZs sein.

Das VÄG 

  • fordert den Wettbewerb, ja erzwingt ihn geradezu, 
  • fordert und fördert größere Einheiten, z.T. facharztuniform (z.B. nur praktische Ärzte), 
  • verringert die Anzahl der freiberuflichen niedergelassenen Ärzte (will das der Arzt, der in die Selbständigkeit geht?) 
  • und erhöht im Umkehrschluss die Zahl der angestellten Ärzte.

Das „alte System“, bestehend aus der Gegebenheit, dass sich jeder Arzt an seinem Standort der Zulassung innerhalb der Bedarfszulassung und KV-Bezirke gesteckten Grenzen bewegt, wird durch eine „Neue Welt“ ersetzt:

  • große Berufsausübungsgemeinschaften entstehen und dadurch wird grundsätzlich die Bedeutung der Einzelpraxis abnehmen, 
  • überörtliche Zusammenschlüsse werden die ärztliche Landschaft verändern, 
  • Ärzte können in der Praxis der anderen Leistungen erbringen, unabhängig von Zulassungssperren, - Möglichkeit der Anstellung von Ärzten durch Kollegen, 
  • Allerorts können Filialen betrieben werden, wenn dies der (allg.) Versorgung dient,
  • Dualität bei der Arbeit (angestellt im Krankenhaus und zugleich Freiberufler) ist möglich.

Diese unabdingbaren, längst fest eingefahrenen Fakten sollten noch alle Unschlüssigen dazu animieren

  • genug Zeit zu investieren, sich mit diesen Fakten und der bestehenden Situation zu beschäftigen, 
  • Ziele zu formulieren und 
  • (vielleicht auch) neue Visionen zu entwickeln, 
    wobei sie sich fragen sollten: 
  • möchte ich das Erreichte absichern, oder 
  • möchte ich wachsen und Initiative ergreifen? 
  • bin ich kooperationsfähig? bzw. 
  • bin ich kooperationswillig? 
  • bin ich kooperations“möglich“? 
  • will ich Angestellter werden und gebe damit unwiderruflich meinen Sitz an das MVZ? 
  • will ich mich als Freiberufler unterordnen, 
    denn meine Erfahrung zeigt: wo ein Primus inter pares die Geschicke in die Hand nimmt, da klappt es, 
  • will ich trotz GmbH solidarische Haftung, wenn ich Freiberufler bleibe, im Investitionsbereich, im KK-Bereich, im Regressfall, in Dauerschuldverhältnissen (Mieten, Leasing), 
  • will ich gegebenenfalls Mithaftung im deliktischen Bereich, 
  • will ich die Aufgabe einer möglichen Corporate Identity.

Meine Erfahrung zeigt, dass in Bezug auf die Kooperationsfähigkeit des Arztes eine äußerst sensible Antwort zu geben ist, denn

  • die berufliche ETHIK ihm kein NEIN zum Patienten zulässt, 
  • der Arzt eine große Individualität besitzt, 
  • der Arzt eine schlechte hierarchische Unterordnungsbereitschaft hat, 
  • eine unterschiedliche Produktivität innerhalb einer Kooperation besteht (sofern überhaupt im Arztberuf Produktivitätsüberlegungen angestellt werden können, aber der Kaufmann in einem wirtschaftlichen Großkonstrukt diese dennoch tragen muss),
  • die Ärzte sehr divergierende Lebensplanungen haben.

Sollten die Fragen überwiegend kontra Kooperation beantwortet werden, so sollte das MVZ (zumindest für einen gewissen Zeitraum) kein Thema mehr sein.

Übrigens: 666 MVZs gibt es in Deutschland - Tendenz stagnierend, da hohe Konfrontation, insbesondere mit MVZs in Kooperation mit Krankenhäusern.

Das heißt für den nicht-MVZ-willigen Arzt, er bleibt bei seinem bisherigen Konstrukt (kann auch PG bzw. GP sein) und 

  • gründet eine / zwei Zweigpraxen 
  • arbeitet in einer Teil-Gemeinschaftspraxis 
  • arbeitet zum Teil als Angestellter in der Klinik, subspezialisiert sich und 
  • macht Werbung wie ein Unternehmer bei Kollegen, durch Vorträge und durch Broschüren 
  • schert sich nicht (mehr) um das (standesrechtlich untermauerte) Werbeverbot 
  • schließt sich einem Netz bzw. einer Genossenschaft an und motiviert dabei sich und die Mitglieder um Überweisungen zu erhalten, besseren Erfahrungsaustausch und Informationsstand zu erreichen, an einem (partiellen) integrierten Versorgungsmodell teilzunehmen.

 

Dr. rer. pol. Rudolph Meindl
Diplom-Kaufmann
Geschäftsführender Gesellschafter
Dr. Meindl u. Partner Verrechnungsstelle GmbH