21.02.2018 Praxisbewertung

Was ist meine Praxis bzw. Gesellschaftsanteil wert?

Kein Buch mit sieben Siegeln:

Immer wieder werde ich von Ärzten unterschiedlichen Alters und integriert in unterschiedlichsten Kooperationsformen bzw. von Inhabern einer Einzelpraxis gefragt ob es denn notwendig wäre, den Wert der Praxis respektive des Gesellschaftsanteils zu kennen.

Meine schon seit über 25 Jahren bestehende Erfahrung als Sachverständiger für die Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen habe ich dazu nach wie vor nicht geändert und meine Meinung wird durch das gesetzlich geregelte Aufkaufssoll, gemäß dem GKV/VSG, in Gebieten mit über 140 % Versorgung noch bestärkt. Aufgrund unterschiedlichster Anlässe (s. u.) gibt es kaum einen Grund, einen Näherungswert nicht wissen zu wollen. Den zu errechnen ist keine Hexerei.

Die unten stehenden Ausführungen sollten Ihnen einen repräsentativen Überblick über die maßgeblichen Parameter für die Bewertung Ihrer Praxis, bzw. des Gesellschaftsanteils, nach der einzig richtigen Methode, der (modifizierten) Ertragswertmethode, geben.

1.) Mögliche Anlässe für Wertermittlungen:

- Normaler einvernehmlicher Ausstieg eines Gesellschafters
- Nicht einvernehmlicher Ausstieg (Gefahr der Volatilität durch unterschiedliche Sachverständige.)
- Tod eines Gesellschafters, bzw. festgestellte Berufsunfähigkeit (Definition der Berufsunfähigkeit! Bestandteil im Gesellschaftsvertrag?)
- Scheidung (hohe Volatilität, siehe Punkt 2, Verzichtsvereinbarung auf den Zugewinn aus der Praxis?)
- Eintritt des im GKV/VSG geregelten Aufkaufssoll und deren Wertbestimmung (Verkehrswert!!)

2.) Wertermittlungsverfahren

- Umsatzmethode
- Ärztekammermethode
- (modifizierte) Ertragswertmethode
- Exotische Methoden (z.B. 1 Jahresumsatz oder 1 Jahresgewinn usw.)
- Steuerberater Methode??
- Stuttgarter Verfahren

3.) Parameter und deren Gewichtung und Einfluss (1-5 (maximal)) auf den Goodwill (GW)

3.1 Weiche Faktoren
(Hauptursache für eine nach wie vor hohe Volatilität bei der Bestimmung des Praxiswertes.)

- Zuweiserkonstellation (4)
- Konkurrenzsituation (1 im gesperrten Gebiet, ansonsten 4)
- Demografische Entwicklung (2)
- Ein- bzw. Auspendler (2)
- Dauer der bisherigen Praxis (3)
- Zulassungsbeschränkung (5)
- Praxislage (bei größeren Konstrukten 2, bei Einzelpraxis 4)
- Bekanntheitsgrad des Praxisinhabers (Ambivalent, da persönlichkeitsbezogen.Vor- bzw. Nachteil für Nachfolger.) Leistungsspektrum (Institutionalisierung, Subspezialisierung (3))
- Entwicklung der Fallzahlen (4)
- Privatpatientenanteil (4 aber Vorsicht da „mobil“)

3.2 Harte Faktoren
(Definition aber keine Interpretation, da es keine einheitlichen
Regelungen für die Höhe dieser Faktoren gibt).

3.2.1 Bereinigter Vergangenheitserfolg (5) 3 Jahre, gewichtet (in der Regel das Maß aller Berechnungen)

• Gegebenenfalls zu bereinigen durch: AfA, KFZ, Gehalt Ehepartner, Zinsen, Leasing, Gehalt des angestellten Arztes
• 3-Jahresvergleich
• Gewichtung (d.h. bei 3 Jahresvergleich, letztes Jahr x 3; vorletztes Jahr x 2; drittletztes Jahr x 1, geteilt durch 6 – Anzahl der Multiplikatoren)

3.2.2 Kapitalisierungs-/Verflüchtigungszeitraum (5 plus)

- je länger - desto höher (hohe Volatilität) der Wert
- je institutioneller - desto länger der Kapitalisierungswert
- je personenbezogener - desto kürzer der Kapitalisierungswert

• 2 – max. 5 Jahre (BSG/Namhafte Gutachter)
• Einflussfaktoren - siehe weiche Faktoren (Pkt. 3.1.)
• Einfluss auf den Wert bei den folgenden angenommenen
Zeiträumen:

– von 2 auf 3 Jahre ca. das 1,45-fache (des bei 2 Jahren festgestellten Wertes)
– von 2 auf 4 Jahre ca. das 1,9-fache (s. o.)
– von 2 auf 5 Jahre ca. das 2,33-fache (s. o.)
– von 3 auf 4 Jahre ca. das 1,32-fache (des bei 3 Jahren festgestellten Wertes)
– von 4 auf 5 Jahre ca. das 1,22-fache (des bei 4 Jahren festgestellten Wertes)

3.2.3 Kalkulatorischer (bzw. bei GmbH höchstwahrscheinlich als Gehalt in der GuV enthalten) Unternehmerlohn (4). Je höher – desto niedriger (hohe Volatilität, abhängig vom Facharzt) der Wert.

Grundsätzlich durch den Sachverständigen aus dessen Erfahrungswert anzusetzen. Beispiel:

• Chefärzte in der Chirurgie gemäß der Kienbaum-Studie 170–290.000 (!)
• unterschiedlicher Ansatz ist auch innerhalb einer Großpraxis möglich.
• Unterscheidung zwischen operativ tätigen und konservativ tätigen Ärzten
• Richtwert: pro 50.000 EUR höherer Unternehmerlohn, 9–20 % geringerer Praxiswert, – je nach Anzahl der Ärzte und des Gewinns. Je höher – desto weniger Auswirkung.

3.2.4 Kalkulationszinsfuß (2)
Je höher – desto niedriger der Wert (geringe Volatilität, da maßgebend
vom allgemeinen Zinssatz abhängig)

• Basiszins + Risikozuschlag abzüglich Abgeltungssteuer in Höhe von 26,375 %.
• Pro 1 % höherer Zinssatz ca. 2 % geringerer Wert. Vernachlässigbar? Doch nicht! Bei 6 % Differenzzins zu heute (noch vor 5 Jahren der Fall), immerhin 12 % weniger wert.

3.2.5 Typisierte* Ertragssteuer (35 %)
Je höher – desto niedriger (nur in Ausnahmefällen etwas höher = 40 %) der GW

• Nur im großen Ausnahmefall Abweichung von 3% (bei 40 % ca. 8–10 % geringerer Wert)
* also nicht individuell.

3.2.6 Forderungen/Verbindlichkeiten
(Kapitalkonto!)

• In der Einzelpraxis in der Regel - NICHT
• In Kooperationspraxen - JA
• Stichtagsbilanz und Feststellung der Kapitalkonten! (bei Bilanzierung kein Problem, bei Einnahmen-Ausgaben rechtzeitig Steuerberater fragen.) Vorsicht bei negativen Kaptialkonten!!

4.) Praxis-/Sachwert

-Anhand der bestehenden Inventarliste ist der Fortführungswert zu bestimmen.
- Auch Umbauarbeiten, wenn zu einer rationelleren und gewinnbringenderen Praxisführung durchgeführt.
- Abstimmung mit Mietvertrag.

Exkurs:
Leasing – wenn bei Übernahme Leasing ins Eigentum dann müssten ausstehende Leasingraten vom bereinigten Vergangenheitserfolg (siehe 3.2.1) abgezogen werden.

FAZIT
Trotz aller Theorie – der Markt bestimmt den Preis!

- Ein Gut ist nur so viel wert, wie jemand bereit ist dafür zu bezahlen und der andere bereit ist, dies auch für den Preis abzugeben.
- Fokussierung in allen Berechnungen ist auf den nachhaltig erzielbaren Zukunftsgewinn auszurichten.

Bei Fragen wenden Sie sich an mich. Ich beantworte diese gerne aufgrund meines über 50jährigen Erfahrungsschatzes im betriebswirtschaftlichen Bereich und über 25 Jahre als vereidigter Sachverständiger für die Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen.

VORSICHT:

- Nur Zulassungs(sitz)erwerb: Nicht abschreibungsfähig (kein Steuervorteil von ca. 38% über die Abschreibungszeit.)
- Nur halber Zulassungs(sitz)erwerb: Lt. aktualisierter Rechtssprechung (2017/2018) plus MwSt.

(Modellrechnung und Live-Beispiele können individuell angefordert werden.)

 

Dr. rer. pol. Rudolph Meindl
Diplomkaufmann
Über 50 Jahre im Dienste des Arztes
Öffentlich bestellter (bis zum 70. Lebensjahr) und vereidigter Sachverständiger für die Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen