15.5.2014 - QUO VADIS ARZTPRAXIS?

 

 

Zu diesem Thema habe ich schon oft meine Gedanken niedergelegt. Worin die Gründe liegen mögen, dass eine der zukunftsträchtigsten Branchen Deutschlands, nämlich das Gesundheitswesen, durch eine Flut an Gesetzen immer wieder durcheinander gewirbelt wird und keine Rücksicht auf die, diese zukunftsträchtigste Branche überwiegend gestaltenden niedergelassenen Ärzte genommen wird, kann ich nicht nachvollziehen – auch nicht nach 47 Jahren, in denen ich das Gesundheitswesen beobachte.


Wie sehr den Politikern, insbesondere der beiden großen Koalitionsparteien, an der weiteren konstruktiv oder destruktiv zu gestaltenden Gesundheitsbranche gelegen ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht liegt es daran, dass dem als weitgehend konjunkturunabhängigen, krisenfesten Gesundheitsmarkt viel zugemutet werden kann. Dem Markt wird das nicht schaden, denn allein schon aus der demografischen Entwicklung heraus, aber auch aufgrund des wachsenden Gesundheitsbewusstseins dürfte der ständig wachsenden Nachfrage nach Gesundheitsleistungen nichts entgegenstehen.

Dies alles mag objektiv richtig sein. Diese Situation jedoch als Rechtfertigung für die permanent – lassen Sie es mich etwas drastisch sagen – abgeschossenen Störfeuer und die sich daraus ergebenden standesrechtlichen wie steuerlichen Unsicherheiten bei den Ärzten mit all den damit verbundenen unglaublich umfangreich werdenden Verwaltungsarbeiten, die zu einer Dauerfrustration bei den niedergelassenen Ärzten führen, herzunehmen, ist schlichtweg destruktiv, dilettantisch und unfair.

Der Großteil der niedergelassenen Ärzteschaft fühlt sich ob dieser Situation ausgebeutet, missverstanden und sehr oft absolut zu Unrecht durch Verallgemeinerungen an den Pranger gestellt.

Diese allgemeine, durch mich gefühlte negative Stimmung in der Ärzteschaft darf jedoch nicht die positive, individuell von den jeweiligen ärztlichen Leistungserbringern gelebte und auch artikulierte Stimmung unausgesprochen lassen.

Ja, es gibt auch viel Positives, insbesondere für all diejenigen Ärzte, die bereit sind, sich in den unterschiedlichsten Kooperationsformen1 niederzulassen und sich nicht scheuen, ihre Leistung nach dem Grundsatz "tue Gutes und rede darüber" auch selbstbewusst zu präsentieren.

Die Gesetzeslandschaft

Sie bietet folgende Möglichkeiten:

MVZ: (organisierter Marktauftritt, Kompetenz ausstrahlend von der Bevölkerung wahrgenommen)

Überörtliche Berufsausübungsgemeinschaft
/ Teilgemeinschaftspraxis: (Ausleben von Subspezialisierungen, Verteilung von ärztlichen Leistungen an denen die unterschiedlichen Leistungserbringer beteiligt werden können, ohne Standesrechtsproblematik)

Anstellungsverhältnis: (mit und ohne Sitz, Sicherheit, Arbeitszeiteinteilung, keine Verantwortung)

Sitzteilung: (diversifizierte Präsenz, leichtere Organisation der individuellen Life-Balance)

Werbung: (Steigerung der Bekanntheit, der Kompetenz, Fokussierung auf Privatpatienten respektive Selbstzahler, Akzeptanz der dualen Herausforderung Arzt und Unternehmer zu sein. (Anmerkung: Meine gelebte Erfahrung zeigt, dass moderate, sich auf die ärztliche Leistungserbringung beziehende Werbung standesrechtlich kaum noch Probleme aufwirft.)

Organisationsgemeinschaft: (gebündelter Marktauftritt für spezielle gesundheitliche (Präventions-) Maßnahmen, Hinzunahme von peripheren Gesundheits-Dienstleistern)

Ein Beweis der Priorisierung des Gesundheitsmarktes durch die Politiker ist auch in den zu erwartenden (gesetzlichen) Vorschriften, die sich aus dem Koalitionsvertrag ergeben, begründet.

Der Koalitionsvertrag

Der Grundsatz des Koalitionsvertrages ist klar und deutlich: Die Freiberuflichkeit niedergelassener Leistungserbringer ist ein unverzichtbares Element für eine flächendeckende ambulante Versorgung (dabei ist nicht zu unterschätzen – siehe später – dass auch das Krankenhaus damit gemeint sein wird). Der Koalitionsvertrag beinhaltet auch die Botschaft, dass die Freiberuflichkeit der Garant für die Diagnose- und Therapiefreiheit sowie für die freie Arztwahl der Patienten manifestiert und gefördert wird, aber:

Den Krankenhäusern wird vermehrt die Möglichkeit gegeben, an der ambulanten Versorgung teilzunehmen. Indikatoren dafür sind z.B. die Bestimmungen, dass das Ermächtigungsgesetz von einer Kann- zu einer Muss-Vorschrift abgewandelt wurde und dass die im § 116 SGB V definierten Krankheiten mehr und mehr weiter ausgelegt werden. Die vermehrten Aktivitäten der Krankenhäuser, MVZs zu gründen, Ärzte mit Sitzen in diese MVZs zu integrieren, um aus dem Krankenhaus heraus an der ambulanten Versorgung teilnehmen zu können, sind ein Beispiel dafür, dass die cleveren Krankenhäuser diese Chancen beim Schopfe packen werden.

Die Möglichkeit für Kommunen, MVZs zu gründen, interpretiere ich auch als Instrument des Eingriffes der Politik (Kommunen für öffentliche Krankenhäuser werden maßgeblich durch Politiker gesteuert) auf den ambulanten Sektor.

Der von mir schon in einigen Veröffentlichungen aufgezeigte Konfliktbereich durch die Aufkaufmöglichkeiten von Praxen in überversorgten Gebieten wird im Koalitionsvertrag nicht entschärft sondern verschärft, unter anderem auch dadurch, dass die grundsätzlich als Kann-Vorschrift beabsichtigte Definition zu einer Soll-Vorschrift umgewandelt wurde (ich wiederhole mich, indem ich sage, dieser Aufkauf wird dann seine Grenzen finden, wenn in ärztlichen Großkonstrukten durch den Wegfall einer Person mit Arztsitz dieser Arztsitz aufgekauft werden sollte, aber das Großkon¬strukt ohne die Einnahmen eines niedergelassenen Arztes mit Sitz, den sich aus dieser Konstellation ergebenden kaufmännischen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen könnte).

Die klar definierte (dem Grunde wie der Höhe nach) Förderung von Praxisnetzen bietet meines Erachtens überwiegend eine Chance.

Das Gleiche gilt für die leichtere Erteilung von Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen und letztendlich ist auch die nunmehr geregelte Möglichkeit, eine (bezahlte) Zweitmeinung einzuholen, eine Erweiterung der Nachfrage nach ärztlichen Leistungen, wobei kritisch angemerkt werden muss: Wann soll die dadurch doch gesteigerte ärztliche Leistungserbringung denn noch stattfinden können?

Dem Projekt Termin-Servicestelle für die Vergabe von Terminen gebe ich keine große Chance. Wer sollte in dieser Termin-Servicestelle erkennen können, wie medizinisch notwendig ist ein Arzttermin, der über die Termin-Servicestelle eingefordert werden kann.

(Anmerkung: Meines Erachtens gehört die Publikation von Patienten, die keine Termine bekommen, in die Schatulle des Journalismus, der eine (ökonomisch verursachte) Freude an der Unzulänglichkeit der Ärzteschaft hat).

Die neue GOÄ

Auch die zu erwartende, sicherlich auf die längere Bank verschobene neue GOÄ könnte Positives mit sich bringen. Positiv dadurch, dass dem Stand der Medizintechnik Rechnung getragen wird und dass eine Kostenträgerrechnung Grundlage der Vergütung sein sollte. Leider Gottes – und das ist heute schon bekannt – wieder nicht ohne Ansatz der sog. kalkulatorischen Kosten (insbesondere der moralischen Abschreibung)2.

Positiv glaube ich auch die Absicht zu interpretieren, dass in der neuen GOÄ es insofern leichter wird, als ein sog. "robuster Einfachsatz" die Grundlage für den roten Faden der GOÄ darstellen soll. Das geht jedoch nur zugunsten der Ärzte aus, wenn tatsächlich in diesem "robusten Einfachsatz" alle für eine gerechte und den kaufmännischen Risiken einer Praxis auch entgegenkommende Gebührenkalkulation die Grundlage darstellt.

Lesen Sie zu diesem Thema mehr über Arztbewertungsportale und Standes-/ Steuerrecht in der kommenden Ausgabe.

 

Dr. rer. pol. Rudolph Meindl
Diplom-Kaufmann
Geschäftsführender Gesellschafter
Dr. Meindl u. Partner Verrechnungsstelle GmbH

 

1Ich bleibe bei meiner Aussage, dass die Einzelpraxis nach wie vor eine Chance hat, wenn sich der Einzelpraxis-Inhaber mit dieser Situation identifiziert und die Lücken, die nach wie vor da sind und nicht weniger werden, füllt.

2siehe hierzu viele Ausführungen in früheren Infobriefen