10.02.2006 - Quo Vadis Arztpraxis?

 

 

Unter diesem Schlagwort habe ich schon in den letzten Ausgaben immer
wieder versucht, meine eigene subjektive, auf 35-jähriger Erfahrung basierende Meinung in Bezug auf die Entwicklung des Gesundheitswesens insbesondere der niedergelassenen Ärzte kundzutun.

Hierzu paßt die Forderung von Seehofer und Ahrens (AOK-Vorstand) unter dem Motto "Transparenz und Wettbewerb". Die beiden Herrn plädieren unverblümt dafür, dass die Krankenhäuser für die ambulante Versorgung geöffnet werden müssen. Momentan schreibt ja das GSG den Krankenhäusern immer noch vor, dass sie einen Kassenarztsitz bzw. eine Ermächtigung haben müssen, um an der ambulanten Versorgung teilzunehmen. Durch die Forderung der beiden Herren, die eine gesetzliche Regelung als unumstößlich halten, weil "... die Selbstverwaltung dies nicht tut", wird der bereits sehr lockere Stein nunmehr ins Rollen gebracht, d.h. irgendwie durch die Hintertür -und darin ist ja unsere Gesundheitsministerin geschult – geht es dann bei den Krankenhäusern auch ohne Kassenarztsitz, um an der ambulanten Versorgung teilzunehmen. In der Sendung von Christiansen vom 27.11.2005 hat Ahrens klar und deutlich erklärt: "Die AOK werde mit allen (Anmerkung des Verfassers: medizinischen Leistungserbringern) Direktverträge abschließen" (wo werden dann die KV’en bleiben?). Neben der Tatsache, dass dadurch die Krankenhäuser an der ambulanten Versorgung als konkurrierende Unternehmen teilnehmen, müßte ja folgerichtig die durch das GSG im Jahre 1993 geschaffene Niederlassungsbeschränkung bei gesättigten Märkten auch aufgehoben werden. So gesehen hätten wir nicht nur den totalen Wettbewerb im Bereich der niedergelassenen Ärzteschaft, sondern auch noch den Wettbewerb mit den Krankenhäusern. Asklepius hat sich am freien Kapitalmarkt vor gut 3 Wochen 60 Mio. Euro durch die Ausgabe von Genußscheinen eine (Eigen-)Kapitaldecke verschafft.

Gleichzeitig geht der wirtschaftlich bedingte Schrumpfungsprozeß der Krankenhäuser weiter.

Die verbleibenden Krankenhäuser werden effizienter, konkurrenzfähiger und schlagkräftiger unter anderem auch durch diese Konzentration. So z.B. hat das Städtische Klinikum Nürnberg die Übernahme der Krankenhäuser Lauf, Hersbruck und Altdorf durch das Bundeskartellamt genehmigen lassen. Ich frage mich nur, was ein unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten als marode zu bezeichnendes Unternehmen, nämlich das Klinikum Nürnberg, mit einem Loch von bis zu 27 Mio. Euro bis 2009, "das aus eigener Kraft nicht mehr geschlossen werden kann" (Wambach, siehe NN vom 02.12.2005), überhaupt veranlaßt, weiter zu expandieren und wiederum marode Unternehmen einzukaufen, um dann in dieser Konstellation monopol-ähnlichen Charakters den niedergelassenen Ärzten Wettbewerb zu machen. Ist das freier, fairer, ehrlich gewollter, konstruktiver, Arbeitsplätze behaltender Wettbewerb? Nein, das ist Zwangs- und Planwirtschaft in Reinkultur! Wer die Misere der angestellten Ärzte mit dem Überforderungspotential in den letzten Jahren verfolgt hat, wird mit mir einig gehen, dass eine Vielzahl an jetzt noch angestellten Ärzten sich mangels eines Arztsitzes nicht niederlassen will bzw. wenn sie es tun (müssen), weil an der Klinik das Arbeiten keine Freude mehr macht, werden sie auch vor sogenannten Kamikaze-Niederlassungen nicht zurückschrecken. Wenn dann noch die grundsätzliche Änderung der gesetzlichen Krankenkassenlandschaft mit berücksichtigt wird, dann wissen wir, dass das Gesundheitssystem in 5 Jahren nicht mehr annähernd die Struktur aufweist, wie es jetzt der Fall ist. Meine klare Empfehlung: Wo immer es möglich ist, denken Sie über Kooperationen, insbesondere über die Integration in die Medizinischen Versorgungszentren in Verbindung mit Integrierter Versorgung nach.
Ich weiß, dass mit dieser Empfehlung vielen derzeitig bestehenden Individualsituationen des jeweilig niedergelassenen Arztes nicht weitergeholfen werden kann. Ich will aber damit eines erreichen, nämlich dass ein Denkprozeß in Gang gesetzt wird. Es ist Kreativität der Leistungsbereiten (und dies ist jeder niedergelassene Arzt, sonst hätte er sich nicht dazu entschieden) gefordert, um im Interesse des Patienten eine gute und bezahlbare Medizin zu entwickeln und es dadurch mit den Krankenhäusern - die es nach wie vor noch mit schwerfälligen Strukturen zu tun haben - aufzunehmen. Die Politiker werden dazu den Entscheidungsträgern die notwendigen Entscheidungsfreiheiten einräumen, aber keine Alternative zum Wettbewerb mehr offen lassen, d.h. die derzeit noch stark die niedergelassene Ärzteschaft regulierende Gesetzeslage (GSG) wird nicht durch weiteren Paragraphendschungel ineffizienter gemacht.

Auch aus anderer Perspektive gibt es Forderungen nach mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen. So fordert Ulf Böge, Präsident des Bundeskartellamtes, mehr Wettbewerb und fragt "... warum sollte man das Gesundheitswesen [von dem Wettbewerb] ausnehmen, wenn es doch hinreichend Beispiele dafür gibt, dass die Versorgung besser wird, wenn man einen Sektor dem Wettbewerb öffnet". Nächste Ausgabe: Was ist zu tun?

 

Dr. rer. pol. Rudolph Meindl
Diplom-Kaufmann
Geschäftsführender Gesellschafter
Dr. Meindl u. Partner Verechnungsstelle GmbH