20.02.2016 - Auf ein Wort: Der Arzt/die Ärztin - ein Traumberuf?

 

 

... Wenn er ihn denn als solchen leben dürfte? JA! – Aber als eine lebenslange Herausforderung.

Spätestens seit Einführung des Versorgungsstrukturgesetzes 1996 sind die niedergelassenen Ärzte mit einer ständigen Herausforderung permanent höchst intensiv konfrontiert.

Verursacht ist diese Situation zum einen durch irrationale, situationswidersinnige, zum Teil ärztefeindliche (Antikorruptionsgesetz *) sich widersprechende Gesetze (aktuelles Beispiel, das GKV-VSG und die damit zusammenhängenden z.T. verfassungswidrigen Folgerungen) und zum anderen durch ein sich rapide änderndes Patientenverhalten, das sich in der Erwartung des Patienten auf perfekte Leistung durch den Arzt niederschlägt.

Die intensive Informationsgewalt durch das Internet (Ärztebewertungen) und die verschiedenen auf Populismus (Auflagenstärkung) aufgebauten Ärzterankings (wer ist der beste Arzt? – als ob dies messbar wäre!?) der Medien, turboisieren noch diese Herausforderung und der Arzt muss dieser neuen Gesetzgebung gerecht werden, ist seiner Berufsethik verpflichtet und muss die Arzt-/Unternehmer-Herausforderung meistern. Ein kräftezehrender Spagat im tripolaren Spannungsfeld.

So meint er dies; so fühlt er es auch mit all den für ihn auch unweigerlich zusammenhängenden physischen wie psychischen Konsequenzen. Hinzu kommt der sich wahnsinnig schnell entwickelnde technische Fortschritt, der den (subspezialisierten) Arzt anscheinend zu diagnostischer Omnipotenz führt, auf der anderen Seite jedoch oftmals therapeutisches Versagen steht (primäres Spannungsfeld).

Der Patient sieht den Arzt jedoch als Helfer (Diagnostiker) und Heiler (Therapeut); für ihn ist er der Beherrscher der medizinischen Technik, ein Allwissender.
Erst wenn der Patient in dieses „ärztliche Spannungsfeld“ gerät, erkennt er die Kluft zwischen diagnostischem Können und therapeutischem Versagen und neigt zur Null-Toleranz, wenn er sich nicht erfolgreich behandelt fühlt.**

Wem von uns Nicht-Ärzten sind nicht die immerwährenden Stammtischgespräche im Ohr, die immer wieder die Unfehlbarkeit der Ärzte, besser gesagt der Ärzteschaft, fordern, aber im eigenen Beruf ist Fehlbarkeit, d.h. Nicht-Allwissenheit, akzeptiert und toleriert. In diesem Moment sieht der Patient nicht mehr seinen allwissenden Arzt als positiv wahrgenommenen Akteur, sondern die raffgierige, streikende, Patienten aussperrende Ärzteschaft und wird dabei durch die Medien bestärkt, die sich an ihren fröhlich-süffisanten Negativberichten über die Ärzte (egal in welcher Hinsicht und in welcher Dimension bzw. in welchem Szenario) ergötzen und sich der Auflagensteigerung erfreuen.

Neben dieser diagnostischen, therapeutischen, körperlichen und psychischen Herausforderung, verursacht durch den Beruf an sich und die oben erwähnten „Begleiterscheinungen“, befindet sich der niedergelassene Arzt auch noch in einem sekundären Spannungsfeld, nämlich Kaufmann sein zu müssen. Denn es geht nun einfach nicht, ein den kaufmännischen Gegebenheiten unterworfenes Unternehmen (ob Einzelpraxis oder große BAG bzw. MVZ) zu führen, ohne den „schnöden Mammon“ außen vor zu lassen.

Trotz des Gesetzeswirrwarrs ist der Arzt gefordert, denn unser Gesundheitssystem benötigt Wirtschaftlichkeit und nachhaltige Finanzierung. Die Einhaltung ökonomischer Grundprinzipien ist unabdingbar.
Der Arzt muss das oberste Prinzip des Kaufmanns beherzigen und vor allem leben: „Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht!“, ohne die anderen Prinzipien wie „Liquidität geht vor Rentabilität/Effektivität“; „wo Chancen sind, sind Risiken“ und „nutzungskongruentes finanzieren“ (moralische Afa!) zu vernachlässigen. Bar jeglichen kaufmännischen Wissens muss er diese Herausforderung als Unternehmer meistern.

Das Einhalten von kaufmännischen Tugenden, die er in der Paarung mit seiner beruflichen Ethik lebt, ist nicht genug. Er braucht Managementkompetenzen, Führungserfahrungen, Marketingstrategien, optimale gelebte authentische Patientenorientierung, soziale Kompetenz (beim Führen seiner Mitarbeiter sowie bei der notwendigen Eingliederung in die ärztlichen Kooperationsformen) als auch Bürokratieverständnis: Man glaubt es nicht: mind. 23% seiner Arbeitszeit verbringt der Arzt mit Verwaltungsarbeiten, eine Verdoppelung zu früher! Hier wird er zum Befehlsempfänger degradiert, auch bedingt durch die laufende aktuelle Gesetzgebung.

Zusätzlich braucht der Arzt Bescheidenheit und Leidensfähigkeit.

Erstere beim Umgang mit den Menschen (MitarbeiterInnen wie Patienten), letzteres beim Umgang mit den Institutionen und dem Verstehen dessen, was diese so alles anrichten (siehe aktuell das GKV-VSG und Antikorruptionsgesetz mit seinen verfassungsrechtlichen Bedenken (tertiäres Spannungsfeld)).

Viele fragen sich, welche Chance denn ein Arzt heute noch in diesem System zum Heilen hat und wer seine Interessen vertritt. Die Standesorganisation und die KV’en? „Jein“ würde ich sagen, was wiederum zu einer immensen Herausforderung führt, denn zum einen geben diese Institutionen Positives vor aber zum anderen wird gemaßregelt, wenn die vorgegebenen Pfade nur ein wenig verlassen werden.

Diese hier aufgezeigten Zwänge resultierend aus dem tripolaren Spannungsfeld stellen für den Arzt/Ärztin eine zeitweise unüberwindbare Hürde dar, um die Heilung bzw. Diagnose auf seine individuelle, auf Perfektion ausgerichtete, Art zu betreiben. Es ist das Schwierige an diesem System und – lassen Sie es mich martialisch ausdrücken – martern den Arzt.

Um dieses aufgezeigte tripolare Spannungsfeld (Arzt, Unternehmer und Befehlsempfänger – durch Gesetze, Verordnungen und Vorschriften) zu meistern, ist ein gewaltiger Kraftakt notwendig.

Allzu oft, und dies sage ich aus meiner 49-jährigen Erfahrung im Umgang mit Ärzten, muss und musste ich deren Überforderungssymptome zur Kenntnis nehmen, und ich höre nicht auf, den Arzt/die Ärztin zu animieren und zu überzeugen, mehr Mut zu haben, Egoist zu sein.

Es lohnt sich der Mut zum Mut***,

denn nach wie vor rangiert der Arzt in der Skala der anerkanntesten Berufe und der dahinter stehenden Integrationspersönlichkeit mit großem Abstand an erster Stelle.

 

 

Dr. rer. pol. Rudolph Meindl
Diplom-Kaufmann
Geschäftsführender Gesellschafter
Dr. Meindl u. Partner Verrechnungsstelle GmbH
Seit über 49 Jahren im Dienste des Arztes

 

*    Gesetz zur Bekämpfung von Korruption im Gesundheitswesen
**  Quelle: „Ärzte. Warum quälen wir sie?“ Perspektiven und Positionen zur Zukunft der Medizin
      in Deutschland, Februar 1999, HSG: Friechrich Christoffer MEDISTAR Praxiscomputer GmbH
*** Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit und das Geheimnis der Freiheit
      ist der Mut – Perikles –