21.11.2013 - "NUTZEN SIE DIE CHANCEN!"

 

 

Eine Einschätzung weniger faktenorientiert an der derzeitigen Gesetzeslandschaft angelehnt, sondern mehr "aus dem Bauch" heraus

Die Wahl ist gelaufen, die Sondierungsgespräche mit der SPD sind in Koalitionsverhandlungen übergegangen (hoffentlich wird Lauterbach nicht Gesundheitsminister)1.
Das "Gespenst" Rot/Grün wird es 4 Jahre nicht geben und – sollte es dann existent werden – noch weitere 4 Jahre brauchen, um eine wie immer dann zu gestaltende Abschaffung des dualen Systems einzuläuten. Zeit genug, um motiviert und visionsbasiert in die Zukunft zu schauen und sich nicht von theoretischen "Horrorkonstellationen" (was eine Bürgerversicherung nach dem Geschmack von Lauterbach wäre) verunsichern zu lassen.

Nutzen Sie die Chance, die notwendigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die jeder niedergelassene Arzt braucht, egal in welchem gesellschaftsrechtlichen Umfeld er seine freiberufliche Tätigkeit ausübt, wesentlich zu verbessern. Dies kann in jeder Organisations- bzw. Rechtsform wahrgenommen werden.

Die Einzelpraxis:
Sie ist dann kein Auslaufmodell, wenn Sie sich mit dieser Situation identifizieren, denn die Vorteile sind:
• individueller Praxisablauf
• persönlichkeitsbezogene Patientenversorgung
• Entwicklung einer auf den Arzt zugeschnittenen Corporate Identity
• keine Eingliederung in ein "Entscheidungskonsortium" (um Mehrheitsentscheidungen bei gleichberechtigten Partnern in z.B. BAG's 
  einmal plakativer herauszustellen, habe ich dieses Wort gewählt)
• Haftungsübersicht (alleine für sich verantwortlich in allen Bereichen, zivilrechtlich, strafrechtlich, deliktisch)
• persönlichkeits-/ausbildungskonforme Spezialisierung des Leistungsangebotes bzw.
• Bekenntnis zum Allrounder

Überwiegende Nachteile sehe ich nicht, wenn die Einzelpraxis "gelebt" wird. Auch in Zukunft wird der notwendige wirtschaftliche Background vorhanden sein.

Die Berufsausübungsgemeinschaft (BAG, auch überörtlich)
Sie wird ihren "Siegeszug" unter den Kooperationsformen fortführen. Interessant ist bei diesem Konstrukt zu beobachten, dass sich die Ärzte zwar in Bezug auf deren berufliche Subspezialisierung gegenseitig respektieren, Toleranz üben, Eitelkeiten eindämmen und damit bei dem Erbringen der ärztlichen Dienstleistungen zum Wohle der Patienten punkten. Genau genommen müsste jede BAG aus dieser von mir erlebten Erkenntnis heraus ein Perpetuum Mobile in Bezug auf Stressfreiheit und Wirtschaftlichkeit sein.
Ist sie aber nicht!!
Weil der Arzt im außermedizinischen Bereich aufgrund der Eingebundenheit in sein extrem anspruchsvolles Berufsleben nicht oder nur sehr spärlich in der Lage ist, kaufmännische Grundkenntnisse zu erwerben, um sich auf Basis dieses Wissens kaufmännischen Gesetzmäßigkeiten unterordnen zu können.
Warum ist dies so? Meine Erfahrung aus über 46-jähriger gelebter Umgangs-praxis mit den Ärzten animiert mich zu folgender Einschätzung:
Vorab: Der Arzt ist Arzt! – kompetent, ethisch motiviert2, ein Meister seines Fachs, Garant für die Erkenntnis und die objektiv darlegbare Gewissheit, das deutsche Gesundheitssystem gehört zu den besten der Welt. Durch wen repräsentiert? Durch den Arzt.

Und weil er nun mal Arzt ist
• folgt er – richtigerweise – im Zweifelsfalle, allein schon aus berufsethischen Gründen, immer dem Wunsch seiner Patienten,
  d.h. jeder Patient hat Priorität 1
• lässt er sich schlecht hierarchisch unterordnen, was seiner unstrittigen, einmaligen Berufskompetenz entspricht – was er weit  
  überwiegend von seinen Patienten immer wieder am Tag hört
• hat er daraus seinen überdurchschnittlichen Individualitätscharakter entwickelt, der ihm beim leben von notwendigen 
  Mitarbeiterführungsparametern im Wege stehen kann
• hierzu kommt noch, dass seine Leistung in Bezug auf die Produktivität nicht messbar ist, was bei der Verteilung des betriebswirtschaft-
  lichen Ergebnisses einer BAG immer ein Problem darstellt.

In Bezug auf die Führung von Angestellten bzw. die gemeinschaftliche, vorbehaltlose Einigung auf notwendige (Investitions-) Entscheidungen sind dies schlechte Voraussetzungen. Wenn kein von allen Beteiligten anerkannter Primus inter pares gefunden wird, hilft nur die Einteilung in Bereiche, für die jeweils ein (Arzt) Partner mit alleiniger Richtlinien-Kompetenz insbesondere bei der Führung von Mitarbeitern zuständig ist. Bei gravierenden Entscheidungen gibt es dann die Partner-/Gesellschafterversammlung, bei der die Mehrheitsverhältnisse je nach Wichtigkeit der Entscheidung durch die Satzung festgelegt sind.
Am offensichtlichsten treten Probleme bei einer mit gleichberechtigten Partnern besetzten BAG bei der Mitarbeiterführung zutage, denn hier gilt der Grundsatz, der kaum außer Kraft gesetzt werden kann, nämlich:

Führung ist unteilbar! – Ansonsten ist Dauerzoff angesagt:
• unmotivierte, innerlich bereits kündigende, lustlose Mitarbeiter
• schlechtes Betriebsklima, das sich auch auf den Kunden = Patienten negativ auswirkt
• überdurchschnittlicher Krankheitsstand bei den Mitarbeitern
• hohe Mitarbeiter-Fluktuation und unter Umständen Weggang als Team
• dauerhaftes Konfliktpotential unter den Ärzten und
• dadurch schlechte Gesamtstimmung und Verschlechterung der Lebensqualität – weil in einer BAG bei allen negativen Wahrnehmungen 
  auch immer im Hinterkopf die solidarische Haftung für alle wirtschaftlichen Zugzwänge mitschwingt und je höher der Frust aus dem Alltag,
  desto größer diese Wahrnehmung.

Wenn es den Partnern innerhalb einer BAG gelänge, ihre Führungsverantwortung so auf den jeweiligen Bereich innerhalb der BAG aufzuteilen, zu respektieren und anzuerkennen, wie dies im Medizinischen der Fall ist, dann würde der Grundsatz der Unteilbarkeit der Führung in der BAG gelebt werden und allen käme dies zugute.

Gelingt es den Partnern, die sich unweigerlich aus einer gelebten Individualität ergebenden dynamischen Energien in konstruktive, kreative Teamkonstellationen (die in einer medizinischen differenzierten BAG vorhanden sein müssen) umzusetzen und wird das Prinzip der Unteilbarkeit der Führung akzeptiert und verinnerlicht, dann sind den Chancenauswertungen, die sich aus einer BAG ergeben, keine Grenzen gesetzt.

Die Praxisgemeinschaft (PG)
Hier gilt Analoges, wobei sich die Frage der Produktivität und die Einhaltung des Grundsatzes, dass Führung unteilbar ist, kaum stellt, da innerhalb dieser Konstrukte klarere Aufteilungen vorliegen. Dieses Konstrukt ist jedoch m.E. fast ausschließlich nur in einer 2-er Gemeinschaft möglich. So gesehen auch kaum mit der situationsgerechten (ü.o.) BAG bzw. einem MVZ vergleichbar. Aber: wenn die Voraussetzungen sichtbar sind, empfehlenswert:
• Kostendegression
• Subspezialisierung
• Bessere Präsenz (Urlaub, Krankheit)
MVZ: lesen Sie mehr zu diesem Thema in unserer nächsten Ausgabe des Infobriefes 1/2014.

 

Dr. rer. pol. Rudolph Meindl
Diplomkaufmann
Geschäftsführender Gesellschafter
Dr. Meindl u. Partner Verrechnungsstelle GmbH


PS: Für Sie gelesen...
zeigt es doch augenscheinlich, was den Kostenträgern eine Stunde ärztlicher Arbeit wert ist:
"Neu eingeführt wird eine Abrechnungsziffer für ausführliche Gespräche, die als Einzelleistung vorgesehen ist. Angesetzt sind dafür 10 Minuten Gespräch mit dem Patienten im Zusammenhang mit einer lebensverändernden Krankheit. Dafür gilt ein Honorar von 9,00 € und das noch mit einer Mengenbegrenzung".
Das bedeutet 54,00 € Stundenlohn für den Arzt für ein Gespräch mit einem Patienten, dem er eine lebensverändernde Krankheit erklären sollte. Unglaublich, unwahrscheinlich! Und ich lese es fast so, als wäre dies eine Errungenschaft seitens der für die Vergütung verantwortlichen Funktionäre.

 

1 Stand 31.10.2013

2 Es ist unstrittig, dass niemand in der Medizin die Erbringung der medizinischen Leistung als industriellen Produktionsprozess ansieht, aber – das ist auch unstrittig – dass das ökonomische Denken eine Notwendigkeit auch im Interesse des Patienten, des Beitragszahlers, ist, und niemand will eine unangemessene Priorisierung ökonomischen Denkens vornehmen, denn dies würde grundsätzlich zu einer Gefährdung der Humanität führen. Diese Erkenntnis ist beim niedergelassenen Arzt tief verwurzelt und es bedarf nicht der Mahnung eines sog. Medizinethikers.
Schlagworte wie "Das Gesundheitswesen darf sich nicht an rein ökonomischen Prinzipien ausrichten, sondern muss in erster Linie das Wohl der Patienten im Blick haben", mögen aus humanitärethischer Sicht gerechtfertigt sein, sie ausnahmslos zu leben, würde den technischen Fortschritt, der letztendlich und ausschließlich nur zum Wohl der Patienten erfolgt, in Frage stellen.
*Quelle: Deutsches Ärzteblatt, Jahrgang 110, Vortrag des Medizinethikers Giovanni Maio