22.02.2012 - DER NIEDERGELASSENE ARZT IM PRIMÄREN UND SEKUNDÄREN SPANNUNGSFELD

 

Das deutsche Gesundheitssystem befindet sich m. E. im stärksten Wandel seit den 90er Jahren, als alles mit dem Gesundheitsstrukturgesetz (GSG) begann.

Der Arzt sieht sich unterschiedlichsten Herausforderungsszenarien gegenüber. Die Aufgeklärtheit, die (zum Teil weitaus überzogene) Erwartungshaltung der Patienten auf perfekte Leistung durch den Arzt (bzw. das Krankenhaus), die intensive Informationsgewalt durch das Internet (Ärztebewertungen) und die verschiedenen, auf Populismus (Auflagenstärkung) aufgebauten Ärzterankings (wer ist der beste Arzt? – als ob dies messbar wäre!?) der Medien stellen den Arzt vor fachliche Qualifikationsanforderungen, denen er gerecht werden muss. So meint dieser und so fühlt er sich auch.

Hinzu kommt der wahnsinnig schnell sich entwickelnde technische Fortschritt, der den (subspezialisierten) Arzt anscheinend zu diagnostischer Omnipotenz führt, auf der anderen Seite jedoch oftmals therapeutisches Versagen steht 
(sekundäres Spannungsfeld).

Der Patient sieht den Arzt jedoch als Helfer (Diagnostiker) und Heiler (Therapeut); für ihn ist er der Beherrscher der medizinischen Technik, ein Allwissender. Erst wenn der Patient in dieses "ärztliche Spannungsfeld" gerät, erkennt er die Kluft zwischen diagnostischem Können und therapeutischem Versagen.

Wem von uns Nicht-Ärzten sind nicht die immerwährenden Stammtischgespräche im Ohr, die immer wieder die Unfehlbarkeit der Ärzte, besser gesagt der Ärzteschaft, fordern, aber im eigenen Beruf ist Fehlbarkeit, d.h. Nicht-Allwissenheit, akzeptiert und toleriert. In diesem Moment sieht der Patient nicht mehr seinen allwissenden Arzt als positiv wahrgenommenen Akteur, sondern die raffgierige, streikende, Patienten aussperrende Ärzteschaft und wird dabei durch die Medien bestärkt, die sich an ihren fröhlich-süffisanten Negativberichten über die Ärzte (egal in welcher Hinsicht und in welcher Dimension bzw. in welchem Szenario) ergötzen und sich der Auflagensteigerung erfreuen.

(Anmerkung: Ich bin ein fleißiger, differenzierter Zeitungsleser und es vergeht kaum eine Woche, in der nicht Negatives über die Ärzte berichtet wird. Positive Berichte gibt es kaum!)

In diesem sekundären Spannungsfeld gilt es sich zu behaupten, weiterhin die Freude am Arbeiten zu erhalten. Der Arzt tut dies jeden Tag, Stunde für Stunde. Ein bewusstes "jetzt mag ich einfach nicht" ist nicht möglich, denn seine Berufsethik verbietet es ihm.

Dieser Anforderung gerecht zu werden, Hilfe und Dienstleistung dem Patienten zu bieten, d.h. präsent zu sein, geht halt nicht ohne den "schnöden Mammon". Das bedeutet, der Arzt ist als Voll-Unternehmer gefordert, aber nicht gefördert, denn wie soll sein Dienst am Patienten sonst funktionieren?

Jeder Verantwortungsträger für die Krea­tion von "Gesundheitsgesetzen" (GSG, WSG, GKV-Versorgungsstrukturgesetz, etc.) ist sich im Klaren, dass unser Gesundheitssystem Wirtschaftlichkeit und nachhaltige Finanzierung braucht. Dazu ist es notwendig, den sozialen Sicherstellungsauftrag der Gesundheitsversorgung mit ökonomischen Grundprinzipien zu verbinden.

Der Arzt muss das oberste Prinzip des Kaufmanns beherzigen und vor Allem leben: "Vorsicht! Vorsicht! Vorsicht!", ohne die anderen Prinzipien wie "Liquidität geht vor Rentabilität/Effektivität", "wo Chancen sind, sind Risiken" und "Nutzungskongruentes Finanzieren" zu vernachlässigen.

Bar jeglichen kaufmännischen Wissens muss er Unternehmer sein und sich oftmals noch Verführungen durch sogenannte Berater (‚Herr Doktor, ich biete Ihnen eine todsichere Sache’ ... Wenn Sie so etwas hören, schicken Sie den "Berater" sofort nach Hause!) erwehren. Das Einhalten von kaufmännischen Tugenden ist nicht genug, er braucht Management-Kompetenzen, Führungserfahrungen, Marketingstrategien, optimale gelebte authentische Patientenorientierung, soziale Kompetenz (sowohl beim Führen seiner Mitarbeiter als auch bei der notwendigen Eingliederung in ärztliche Kooperationsformen) und Bürokratie-Verständnis 1) (man glaubt es nicht: 23% seiner Arbeitszeit verbringt der Arzt mit Verwaltungsarbeiten, eine Verdoppelung!). Ist das alles? Nein! Bescheidenheit und Leidensfähigkeit sind äußerst wichtig. Ersteres beim Umgang mit Menschen (Mitarbeiter wie Patienten), letzteres beim Umgang mit den Institutionen und dem Verstehen dessen, was diese produzieren (seien es Ver- bzw. Anordnungen bzw. Gesetze, die u.a. verfassungsrechtlich bedenklich, wenn nicht unmöglich sind [aktuell: siehe den Ankauf von Praxen in überversorgten Gebieten zum "Verkehrswert" gem. GKV-Versorgungsstrukturgesetz, was vergeblich schon einmal 1996 mit dem Gesundheitsstrukturgesetz -GSG- zum 01.01.1996 versucht, aber als verfassungswidrig ad acta gelegt wurde]).

Hierzu der Titel eines interessanten Buches: "Ärzte. Warum quälen wir sie?" 2)

Arztsein und Gesellschaft existieren als Einheit in einer untrennbaren Wechselbeziehung. Wenn sich unsere Kultur zu hassen beginnt, rächt sie sich an ihren Ärzten. Wenn sie sich zu lieben beginnt, achtet sie ihre Ärzte. 2)

 

Dr. rer. pol. Rudolph Meindl
Diplom-Kaufmann
Geschäftsführender Gesellschafter
Dr. Meindl u. Partner Verrechnungsstelle GmbH

 

1) Reaktion auf eine Leserbefragung durch die Ärztezeitung (Ausg. 7) "Wie hat sich Ihre Arbeitsbelastung zwischen 2008 und 2011 entwickelt?":
78 % der Ärzte: "erhöht" und zwar durch mehr Bürokratie (71,3 %).

2) Herausgeber: Friedrich Christoffer, pmi Verlag AG, initiiert durch Medistar